Focusing im Schulalltag
oder: Über die aktive Ruhe, die vom Lehrer ausgehen kann

Norbert Groddeck

Zusammenfassung

An einem konkreten Beispiel,aus dem Unterrichtsalltag wird Focusing als individuelle Problemlösungsmethode im Sinne einer thematischen Selbstklärung und Selbstbesinnung eingesetzt.

Die “Problemkonstellation” des Lehrers heisst: Ruhe. Sammlung und Entspannung im Unterricht ermöglichen zu wollen. Der Text geht auch auf unterschiedliches Entspannungsverfahren im Vergleich zur Focusing-Methode ein und behandelt damit auch ein konkretes Beispiel zum Thema “Entspannungsmethoden im Lehr-Lerngeschehens”.

 

1. Ruhe und Unruhe

“Wie soll ich diese Kinder bloss ruhig kriegen?” frage ich mich oft, wenn ich als Lehrer inmitten der vielen unterschiedlichen und gleichzeitigen Aktivitäten einer Schulklasse stehe. All dieses Gewusel und Durcheinander von agierendem Bewegungsdrang, das laute Geschubse und die flotten coolen Spruche. Mir erscheint es oft so, als woltten die Kinder und Jugendlichen, wenn sie in den Klassenraum kommen, eines in jedem Fall vermeiden: Dass in ihnen selbst und vor allen Dingen auch im Unterrichtsraum Ruhe, Sammlung und Gelöstheit entstehen..Als wollten sie das. wilde Agieren der ottmals überdrehten Pausenhofsituationen in den Unterrichtsraum mithineinretten.

Dass die Schule in der alten und in der mittelalterlichen Welt ursprünglich die Aufgabe von “Musse” und “Kontemplation” hatte, davon finde ich in meiner neuzeitlichen Schulwirklichkeit kaum etwas wieder. Die moderne Schule dient weder der Vorbereitung auf ein klösterlich-gläubiges Leben noch der Hinführung auf eine geistig-wache Forscher- und stille Gelehrtenexistenz. Die Ruhe und Abgeschiedenheit der Mönchsklause ist ebensogut “out” wie die Überschaubarkeit und Zurückgezogenheit des Studierzimmers des Gelehrten. Und doch wachst in den letzten Jahren wieder die Bereitschaft, speziell aus diesen Lebenswelten mentale sowie. körperliche Techniken und Methoden zu entleihen. um aktuelle Probleme des Lehrens und Lernens in der Schule heute besser bewältigen zu wollen: Konzentrationsübungen Meditations- und Visualisierungstechniken, autogenes Training und Yoga, Tai-Chi, Eutonie-Übungen usw., haben derzeit eine gute Konjunktur (vgl. Maier/Weber l987, Edelmann 1988, Hinkelmann 1988).

“Kriege ich mit all diesen alten und zugleich wiederum auch neuen Technieken die Kinder in der Schule ruhig?“- Und ich meine damit eigentlich, wenn ich es genauer formuliere: zu sich selbst und zu einem erfüllten Lernen?. Ich beschliesse, mir zu hause in der Ruhe und Stille meines Arbeitszimmers die Frage erneut zu stellen. Mit dem Ziel mir selbst platz, Raum und Zeit zu geben, um in mir spüren zu können wie meine ganz persönliche Antwort auf diese Frage hier und heute ausfallen wird.

 

2. Passiv und aktiv am Schreibtisch

Zunächst richte ich mir zu Hause das Umfeld für eine ungestörte Zeit an meinem Schreibtisch ein. Papier und Bleistift , bequemes Sitzen, kein Telefon. Zurücklehnen und Entspannen, um mich selbst körperlich und meine emotionale Stimmung gefühlsmässig spüren zu können. Es tut gut, etwas still zu werden und mit der Wahrnehmung nach innen zu wandern. Nach einigen Minuten des “Einschaltens” stelle ich mir die Frage neu und lasse Bilder und Gesichter aus “meiner” Klasse vor meinem inneren Auge entstehen. “Kriege ich damit diese Kinder ruhig?”. Und mit der Frage und im Zusammenhang mit den inneren Erinnerungsbildern spüre ich eine aufsteigende Unruhe in mir selbst, die mir gerade im Kontrast zu den vorangegangenen Innerlich-still werden eindrucksvoll deutlich wird. Es hangen damit auch Gedanken zusammen, die jetzt kommen: “Soll ich jetzt auch noch autogenes Training und Fantasiereisen einsetzen? - Soll ich noch Suggestionsformeln und Entspannungsanweisungen von den Hypno-Therapeuten lernen? - Meine English-Stunde in ein Superlearning-Studio verwandeln!!” Und anderes: “Die Kinder werden mich auslachen, wenn ich mit meinem Volkshochschulentspannungsverschnitt, mit Wolldecken, Märchenbüchern und Entspannungskassetten aus der ‘Psycho-Szene’ hier bei ihnen einlaufe!”

Kein Zweifel, diese Fragestellung bringt allerhand Unruhe in mir selbst hervor. Ich spüre dies daran, dass ich mich bewegen will: die Sitzhaltung am liebsten verändern, es gibt Impulse, aufstehen zu wollen, etwas anderes (Ablenkendes) zu tun. Ich spüre dies und nenne und erfasse damit die aufkommende Unruhe in mir selbst mit dem Griffwort “Rastlosigkeit” oder auch: “nur keine Pause jetzt machen!” Und beginne dann, den körperlichen Bewegungsdrang ihn mir in den Armen und Beinen deutlicher zu spüren und zu lokalisieren. Wie er sich genau

anfühlt, wohin die Energie will und was der Körper jetzt gerne tun möchte. Ich beschliesse, den Bewegungs- und Aktivierungsdrang ruhig ein Stück zuzulassen und ihm nachzugehen: Aufstehen, an meinem Schreibtisch hin- und hergehen, laut denken und innerlich spüren, das tut jetzt gut… Dabei stellen sich automatisch Selbstgespräche ein: ”Ein innerlich unruhiger Lehrer versucht seiner Klasse Ruhe zu geben. Wie soll diese Paradox aufgehen!”

Oder “Was ist das jetzt plötzlich diese Rastlosichkeit dieses nur keine Pause machen!”

Ich ging von dem inneren Bild der unruhigen Kinder vor mir aus, und nun bin ich selbst unruhig, gereizt, angestrengt und irgendwie rast- und hilflos geworden. Wie ein gefangenes Tier wandere ich in meinem Zimmer auf und ab. Ja natürlich: Ich möchte schon, dass es ruhiger ist in meiner Klasse, dass die Kinder, die lernen wollen, Raum und Gelegenheit finden, sich in und an einem thema zu finden, und dass ich in diesem Prozess jemand sein kann, der selbst sich auch dem Thema und der Aufgabenstellung hingeben kann, ohne ständig aufpassen, kontrollieren und disziplinieren zu müssen. Ich kann in dieser Rastlosigkeit dieses, meinen Beruflichen Alltag wie einen roten faden durchziehendes, ganz persönliche Bedürfnis schmerzhaft genau spüren. Und es ist etwas von diesem Schmerz, der mich plötzlich so rastlos macht. Als wollte ich an dieser schmerzhaften Stelle in mir nicht in Berührung mit mir sein. Nicht sehen und spüren müssen, wie die grundlegenden Bedürfnisse meiner menschlichen und beruflichen Identität so oft unerfüllt bleiben und wie die Schul- und Unterrichtsmöglichkeit auf meinen pädagogischen Wünschen, Hoffnungen und Zielsetzungen herumtrampelt.

Auch ja, aber da ist doch noch etwas Zweites zu spüren: Die neuen Ansprüche, die neue Unterrichtstechniken, Entspannungsmethoden usw. Auch das fühlt sich seltsamerweise in mir ungut an! Schmerzhaft, anstrengend und irgendwie müde. Nun setze ich mich wieder auf meinen Stuhl am Schreibtisch, meine ganze körperliche und emotionale Befindlichkeit hat sich fast augenblicklich verändert. Augenscheinlich ist da eine Wandlung geschehen. Müde ist das neue Schlüsselwort. Natürlich, das ist es! Ich habe an dieser Stelle schon soviel experimentiert und versucht und veile Enttäuschungen erlebt. Vom sozialen Lernen zur Gruppendynamik, über den Projektunterricht zum offenen Unterricht und zurück… Es bleibt stets das Problem mit der Ruhe, der Konzentration, der inneren Sammlung, der Disziplin und der Aufmerksamkeit, für die ich sorgen muss, und ich bin müde und ausgelaugt an dieser Stelle…

Seltsamerweise tut es gut, nun, auf meinem Schreibtischstuhl zu sitzen und die Müdigkeit zu spüren und zuzulassen. Ich muss viel gahnen und mich recken und strecken, aber es wird ruhiger in mir. Das ist es, was ich für mich gefunden habe: meine Anstrengung und Anspannung, mein Schmerz und die Hilflosigkeit und Gereiztheit, die unter der Rastlosigkeit liegen. Und auf allem obendrauf noch die neuen Ansprüche der neuen Unterrichtsmethoden und Entspannungskonzepte. Es entsteht ein Bild in mir und ich sehe mich gerade selbst, wie ich da müde und beladen meinen beruflichen Alltag entlang wandere und wie diese neuen Zielsetzungen und Ansprüche meine Beladenheit verstärken und michh noch mehr belasten. Es kommt auch noch einmal sehr deutlich ein körpelicher Ausdruck von all dieser Schwere. Überforderung und Müdigkeit in mir auf und damit auch der Entschluss: Ich spüre und weiss jetzt, dass ich diesen mühevollen Weg so nicht fortsetzen werde. Es wird wieder ruhiger in mir und ich beschliesse zunächst einmal meinen schriftlichen Focusing-Prozess (Gendlin 1976) abzuschliessen und mit der einkehrenden Ruhe in mir eine Pause für mich zu machen, um den Ertrag meiner inneren Exkursion zu sammeln und festzuhalten.

 

3. Wie sich wieder Ruhe einstellt

Merkwürdigerweise drängt es auch wieder, jetzt aufzustehen und hin und her zu wandern und dabei die Gedanken laut auszusprechen: “soviel ist mir deutlich geworden: Dass ich selbst unruhig geworden bin, durch die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, die Kinder ruhig machen zu wollen!” Und “ein Zipfel vom Wesen der Unruhe in mir habe ich durch meinen selbstexplorativen Focusing-Exkurs begreifen können.Unruhe kam von einem zugrundeliegenden Gefühl (des Schmerzes, der Hilflosigkeit, der Wut, der Enttäuschung) als eine vermeidende aktivistische Flucht nach vorne. Und soviel ist mir auch wiederum erneut klar geworden: Wenn ich mit sogenannten aufdeckenden Entspannungstechniken (zum Beispiel einer aktiven Meditation) arbeite oder aber mit der von mir angewandten Focusing-Methode von Eugene Gendlin, dann kann ich relativ schnell die Erfahrung machen, dass allein das innere und äussere Innehalten und Stillwerden in einer entspannen Sitzhaltung oft mit Schmerzenhaften Einsichten und Empfindungen einhergeht, wenn es mir gelingt, meine Achtsamkeit auf meine inneren Prozesse zu lenken. Metaphorisch gesprochen: Ohne die Rastlosigkeit der äusserlichen Aktivität hat nur die Seele die Gelegenheit, nachzukommen in den von Fluchtbewegung stillgestellten und wahrnehmenden Körper. Dies kann durchaus eine tiefgreifende ganzheitliche Erschütterung auslösen (die im übrigen genau so gut auch von Freude, Glück, Befriedigung und Befreiung handeln kann) und mit und nach dieser Bewegung füllt sich der gesamte Organismus mit Ruhe, Entspannung und neuer tatkraft. Es ist so etwas wie ein existentielles aha-Erlebnis, in die persönliche Lebenskraft und Handlungsfähigkeit wieder zurückkehrt: Die ganzheitliche Vitalität des Organismus in deckungsgleicher und kongruenter Übereinstimmung mit dem Bewusstsein. Die grundlegende Harmonie von körperlichen, emotionalen und geistigen Prozessen ist die Basis dieser immer wieder selbstregulativen und selbst regenerativen Fähigkeit des Menschen (vgl.Rogers 1976.S.110f.).

In Situationen, in denen eine Person gesammelt, in diesem Sinne integriert sein kann, strahlt sie Ruhe und Zuversicht, Geordnetheit und Zielstrebigkeit. Gesundheit, Lebensfreude und Behaglichkeit aus, und in Situationen, in denen diese personale Kraft der Kongruenz und der Integration verloren gegangen ist, setzt eine innere Unruhe ein, die ganz unterschiedliche Äusserungsformen findet, die wir aber durchaus als das selbstregulative aktive Bemühen des Organismus verstehen können,Kongruenz und Integration wiederherstellen zu wollen

(Rogers 1976.S.337ff.).

So ist es zum Beispiel oft der Vorauseilende Geist, der Inkongruenzspannungen auslösen kann, indem er grenzenlos wie er ist, mühelos und rastlos überall hinstrebt und glaubt, alles längst schon zu “wissen” und “im Griff zu haben”, ohne dass die an den Körper gebundenen Ausführungen, Handlungskompetenzen, Übungen und sozialen Verwirklichungen wirklich realisiert waren. Andererseits kann eine Inkongruenzspannung genausogut von emotionalen Vorgangen eingeleitet werden: Jedermann kann die Erfahrung am eigenen Leib zu spuren, intuitiv sich im Recht zu fühlen, zu “wissen”, worum es geht, was zu tun ist usw., aber andererseits blockiert zu sein oder sich unfähig zu fühlen, das “gefühlte Wissen”, die intuitive Einschätzung des Organismus nämlich kommunikativ anderen mitteilen zu können. Die richtigen Worte finden sich in der emotionalen Erregung oft nicht. Und ebenso kann eine solche Spannung vom Körper ausgehen, der mit seinen Wünschen und Gelüsten, Bedürfnisse und Nöten Signale ins Bewusstsein sendet, die oft nicht in die soziale Situation passen.

Seien also der vorauseilende Geist, die festgehaltene Intuition, Emotion oder der bewegungsüberaktive oder sinnliche Körper, die als “Ursache “ der inneren Unruhe den Anstoss zu Inkongruenzspannungen zwischen Organismus und Bewusstsein gehen: Der Effekt des eintretenden Spannungszustandes ist jeweils der gleiche und ist im Organismus stets deutlich wahrnehmbar. Jedermann kann es in der Tat, wenn er will, in eigenen Leib und am eigenen Leib spüren. Darüber hinaus zeigt die spürbare gefühlte Spannung aber zugleich auch die Richtung einer “Lösung” an! In vielfaltigem und bedeutungsvollem Sinne gilt hier der Satz, dass “Lösung” nur dort sein kann, wo zuvor “Spannung” war, und dass Spannung die Voraussetzung für eine Lösung ist.

Wenn ich mir diesen Gesamtzusammenhang wieder einmal und erneut vergegenwartige und vor mir hinlege, dann habe ich damit zunächst auch eine vorläufige Antwort auf meine eigene Inkongruenzspannung und auf meine eingangs gestellte Fragestellung gefunden. Ich werde mich bemühen, in meinem pädagogischen Handeln dem Organismus, dem Geist und auch dem emotionalen Erleben sowohl von mir als auch dem “meiner” Kinder im Unterricht Zeit und Raum zu geben, sich selbst wieder zu integrieren und die Spannungen, die ich hinter den Aktivitäten vermute, aufzulösen. Pädagogisches Handeln ist für mich in dieser Hinsicht zunächst einmal ganz grundlegend die Hilfe zu Integratin und Wiedergewinnung der basalen Fähigkeiten des Organismus und des Bewusstseins zur Kongruenz. Bewegungshungrige Körper brauchen Aktivität, “vernünftig-rationale” Seelen wollen etwas (Emotionales) erleben und gelangweilte oder auch überforderte ”Kopfe” brauchen eine intellektuelle Aufgabe, an der sie sich sammeln, konzentrieren und zentrieren können. Dafür Zeit und Raum im Unterricht zu geben, erscheint mir sinnvoll. Ebenso wie ich mir selbst Zeit und Raum gegeben und genommen habe, um am Schreibtisch zu hause die Antriebe meiner Unruhe zu finden.

 

4. Die Ruhe davor und die Ruhe danach.

Oder: Unterschiedliche Qualitäten von innerer Stille

Solchermassen das ganzheitliche Erleben zuzulassen oder auch zu fördern, verlangsamt die mentalen und die physiologischen Prozesse des Organismus. Die Wahrnehmung focusiert sich um ein eingegrenztes Stimulusfeld und die Aufnahmefähigkeit für die jetzt im Zentrum der Aufmerksamkeit stehenden Informationen steigt. Der Muskeltonus verändert sich ebenso wie die Atmung und der Herzschlag, die Hautfarbe und der elektrische Hautwiderstand. Ebenso verändern sich die Hirnströme und die Akustik des Magen-Darmbereichs (vgl. Schwäbisch Siems 1976. S.51; Blakeslee, 1982). Eine individuelle Sammlung und Konzentration setzt ein. Der sich selbst gewahr werdende Organismus kehrt damit zugleich in den unschuldigen, naiven, offenen und aktions- und hingabebereiten Grundmodus der allem Lebendigen eigen ist, zurück. Der organismus ist frei und bereit von “unerledigten Geschäften” (F.Perls) und befindet sich wieder in einer positiven Stressbereitschaft, in einer Wohlspannung (Eutonie) und im Zustand geistigen Gewahrseins (Awareness).

Das ist gewiss nicht die Ruhe, die sich einstellt durch die gleichförmig-monotone Ansagestimme eines Lehrers oder Gruppenleiters, der Entspannungsinduktionen souffliert. Es ist auch nicht die Ruhe, die ich durch Yoga oder Tai-Chi-Übungen mir erarbeiten kann. Es ist aktives Selbstgewahrwerden durch das Anerkennen,Aufnehmen und Verarbeiten von inhaltlich-mentalen und in jedem Falle: thematisch auszumachenden Spannungen in mir. Und es ist die Ruhe und Konzentration, die eintritt nach deren Lösung, die mir auch die Zuversicht gibt, die nächsten Stresssituationen bestehen zu können. Ich bin in diesem thematischen Sinne in meinem Leben ein Stück weiter vorangekommen in dem Verstehen und Bewältigen der sich mir stellenden problematischen Situationen.

Zudeckende Entspannungsverfahren hingegen können mir helfen, mich vor den anstehenden Aufgaben und problematischen Situationen auszuruhen und Kraft zu sammeln. Auch dieses Phänomen, mich schützen und schönen zu können, Kraft aufzutanken, Pause zu machen, ist von eminenter Wichtigkeit für die seelische und körperliche Gesundheit. Aber es ist eine andere Qualität der Ruhe, die ich mir hiermit schaffe. Sie ist zumeist danach relativ schnell wieder verbraucht, wenn ich wieder in den Kontakt mit der mir entgegentretenden Aufgabe und Lebenssituation komme.

Dann bin ich wieder ebenso unruhig und aufgeregt wie zuvor. Manchmal ist die beginnende Unruhe sogar noch deutlicher spürbar und noch schwerer zu ertragen und die Versuchung liegt damit nahe - ebenso wie der Griff zu einer Beruhigungstablette - wieder in die Entspannungsübung, oder in den Urlaub, zurückzukehren und mentale Techniken einzusetzen, um der Realtitätsbewältigung aus dem Wege zu gehen.

 

5. Die Richtung meiner persönlichen Problemlösungsaktivitäten

Doch zurück nun zur Situation, von der ich ausging: Ruhiger und gesammelter fühle ich mich jetzt nach diesem thematischen Selbstklärungsprozess. Ich weiss jetzt zumindest, was ich für mich nicht will! Nämlich die zusätzlichen Stress neuer Methoden und Techniken, in denen ich mich unzureichend ausgebildet fühle und die zumeist ja auch in anderen institutionellen Kontexten und Situationen entstanden sind, als dies meine heutige Schul- und Unterrichtssituation ist.Dieser Faktor wurde mich zusätzlich zu der Unruhe in der Lerngruppe unsicher machen. Diese innere Entscheidung macht mich ruhiger, und ich beginne nach meinen mir zur Verfügung stehenden Mitteln zu suchen, um etwas für die Befriedigung meines Grundbedürfnisses nach einer gelösteren Lehr-Lernsituation zu tun: Ein offenes Gespräch mit der Lerngruppe? Vielleicht nur mit einem Teil der Gruppe?

Vielleicht ein freies Gesprächsangebot für diejenigen, die auch an dieser Situation leiden? Wie denken überhaupt die Schüler über diese Situation? Sollte ich einmal einen anonymen Fragebogen zu diesm Thema austeilen und gemeinsam auswerten lassen? Haben die Schüler vielleicht auch selbst Vorstellugen, wie wir uns weniger gegenseitig stören? Kennen sie diesen Zustand von inneren Gelöstheit und Hingabe in einer Tätigkeit, den ich vor meinem inneren Auge habe, überhaupt? Vielleicht aus dem Freizeitbereich, wenn sie ein Hobby haben, wo sie im Tun selbstvergessen aufgehen können?

Eine ganze Reihe von Gedanken, Ideen und Möglichkeiten entwickelt sich jetzt in meinem Zwiegespräch mit mir selbst am Schreibtisch. Jetzt bin ich kreative Unruhe. Und als ich alle wichtigen Punkte auf dem Papier vor mir aufgeschrieben habe, beginnt es wieder ruhiger in mir zu werden und ich kann auswählen und entscheiden, was ich davon verwirklichen will. Was könnte in miner derzeitigen Situatin und Verfassung gehen! Was davon traue ich mich anzugehen oder zu verwirklichen? Entscheidungen lassen sich relativ leicht fällen, wenn ich auf emotionale und körperlichne Resonanz in mir achte, die die unterschiedlichen Möglichkeiten auslösen. Was geht und was geht nicht? Welche möglichkeit erzeugt zusätzliche Anspannung und ungute Gefühle in mir und welche Vorschläge erfüllen mich mit Neugier und Zuversicht!

Wichtig ist es mir hier in Übereinstimmung mit mir selbst meinen Erfahrungen, meinem Können, meinen Kenntnissen und Möglichkeiten zu bleiben: authentisch und kongruent dieses zu tun, was meine ganz individuelle Wahrheit hier und jetzt für diese Situation ist. Und ich finde zu meiner Überraschung:¨doch eine gewisse Neugier in mir, mit Entspannungsmethoden zu experimentieren, Erfahrungen sammeln zu wollen. “…Also jetzt doch Wolldecke, Meditationsmusik und Atemübungen”. Etwas verblüfft bin ich schon von mir selbst. “…Also es könnte gehenn” - denke ich mir -, “wenn ich einen Rahmen fände, in dem ich nicht unter den Druck gerate, das alles schon perfekt können zu müssen. Vielleicht lade ich jemand in den Unterricht ein, der mit uns gemeinsam Entspannungsübungen durchführt! Vielleicht übe ich mit einigen Kollegen zunächst einmal selbst Entspannungsinstruktionen zu geben. “Aber: Ich weiss immer noch nicht , wie die Schüler eigentlich zu diesem, meinem Problem stehen. Ob es auch ihres ist? Oder nur meines. An dem offenen Gespräch komme ich nicht vorbei, merke ich, und das beginnende, leise Kribbeln der Aufregung in mir zeigt mir die Richtung des nächsten Schrittes an, den ich gehen werde.

Natürlich bin ich etwas aufgeregt vor und in diesem Gespräch in der Klasse. Und nichts ist zu spüren von “der Ruhe, die von dem Lehrer ausgeht…”Aber ich teile beides mit, die Unruhe und die Unsicherheit, die ich bin, auch die Aufregung von diesem Thema zu den Schülern zu sprechen und die Neugier, etwas Gemeinsames zu Versuchen zu wollen. Ich spreche von meinem Vorstellungen von intensiven und selbstvergessenen Tun und Lernen, von meinem Hobby und von meinen Ausgleichsaktivitäten. Überraschenderweise wird es dabei stiller in der Klasse. Die polarisierende Wirkung kongruenter, klarer und persönlicher Kommunikation ist augenscheinlich doch sehr gross, und ich kann mich ein gutes Stück darauf verlassen. Auch ich werde langsam ruhiger. Die Aufmerksamkeit der Schüler polarisiert zunächst an mir, dann an dem Thema, dann an eigenen Erfahrungen: Tennis- und Tischtennisspielen, Fernsehen und Kreuzworträtsel, Eisenbahn bauen und Briefe schreiben, autogenes Traininng (5 Kinder haben bereits Erfahrungen damit gemacht). Reiten und knifflige Rechenaufgaben, usw.

Die Stunde ist sehr schnell um. Ich habe wieder einmal “Zeit verloren”. Augenscheinlich habe ich - haben wir - die lineare Zeit vergessen, in unserem Austausch von persönlichen Erfahrungen zum Thema:selbstvergessenes Tun, innere Ruhe und spürbare Befriedigung. Selten sind diese besonderen Situationen im Unterricht, wenn alles stimmt und in Balance und im Fluss ist, wenn “Flow”eintritt (vgl.Csikszentmihalyi, 1985). Es gibt diese besondere Situation auch im Gespräch und im kommunikativen Austausch des Uterrichts. Verschwunden ist meine Frage: “Wie kriege ich diese Kinder ruhig!”

Am Ende der Stunde haben wir einiges geschafft. Absprachen und Übereinkünfte für die nächste Zeit getroffen:

dass mehr individualisierende Stillarbeitsphasen im Unterricht vorkomen sollen
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dass in diesem Verhalten leise Hintergrundmusik zu hören angenehm wäre
.
dass wir mit verschiedenen Musikformen experimentieren wollen
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dass Johanna eine Superlearning-Casette von zu Hause mitbringen will
(vgl.Maier/Weber 1987)
.
dass wir die ersten fünf bis zehn Minuten des Unterrichts für eine Schweigephase benutzen wollen, um nach den Pause besser “auf unsere Situation hier und jetzt” umschalten zu können
.
dabei kann jeder seinen Bedürfnissen entsprechend noch etwas erledigen, lesen, aufräumen, vorbereiten, usw. Es sollte aber in dieser Zeit nicht gesprochen werden.

(Dies fand ich übrigens einen ganz besonders grossartigen Vorschlag, der mir sehr gut gefallen hat und der auch mir hilft, mich nach der allgemeinen Pausenhektik auf die Klasse und die Schüler und den Unterrichtsgegenstand einzustellen.)

Und ich habe wieder einmal etwas für mich Wichtiges neu herausgefunden. Nämlich, dass es auch genau anders herum funktionieren kann: Wenn es mir gelingt, die Themen meiner inneren Unruhe vorwurfsfrein und ohne die emotionalen Gereiztheiten, die in der Situation selbst ungeklärt mit “dranhängen”, den Schülern kongruent und wahrhaftig mitzuteilen, also ganz persönlich von mir selbst und meiner Unruhe zu sprechen, aber auch von dem, was mich ruhig macht und erfüllt, dann kann das paradoxe Phänomen eintreten, dass die Klasse ruhig wird, sich an mir, an meinem Thema, an meinem “Problem” sich ihre Aufmerksamkeit polarisiert, wie Maria Montessori diesen Vorgang nennen würde.

Dazu und dabei, zur Vorbereitung hat mir meine meditative Selbsklärung, mein schriftliches Zwiegespräch mit mir selbst zu Hause am Schreibtisch - im Sinne der Focusing-Methode - viel geholfen. Im Prozess selbst und besonders zu Anfang dieser Stunde war ich nicht sehr ruhig, eher unruhig und kribbelig gespannt.Nach der Stunde hatte ich das Gefühl etwas geschafft zu haben, und ich spüre: jetzt bin ich erst wirklich innerlich ruhig und kann entspannt der überschäumenden Lebendigkeit des Pausenhofs zuschauen. Irgewndwie mag ich sie ja doch auch sehr, diese quirlige Lebendigkeit der Kinder.