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Focusing und der Bohmsche Dialog - eine gesellschaftspolitische Vision

Christiane Geiser

Einführung

Seit einigen Jahren bemühe ich mich um die Formulierung und Erprobung anderer Denk- und Handlungsmuster als derjenigen, die das Individuum in den Mittelpunkt unseres philosophischen und therapeutischen Interesses stellen. Als klientenzentrierte Körperpsychotherapeutin und Ausbilderin bin ich zwar in der individuumzentrierten Tradition geschult und sozialisiert und meine auch nach wie vor, dass (in unserer Kultur) das Ausgehen vom subjektiven Erleben der Person für viele Belange eine unverzichtbare Herangehensweise ist. Wenden wir uns hingegen relationalen Fragen zu oder bewegen uns im politisch-gesellschaftlich-ökologischen Feld, sind grössere Gebilde als die Einzelperson Träger von Veränderungsprozessen, und wir benötigen angemessenere Modelle als die eines individuellen Prozesses.

Ich will darstellen, was Focusing (ein hervorragendes Verfahren, durch Bezugnahme auf das eigene körperliche Erleben neue Resonanzen in uns entstehen zu lassen) in Bezug auf diese Fragen leisten kann und was nicht. Dann will ich über die Dialogprojekte in der Nachfolge David Bohms berichten, in denen Menschen versuchen, "dem Denken auf die Spur zu kommen" und durch Schulung dialogischer Fähigkeiten eine Art "kollektiver Intelligenz" emergieren zu lassen.

Eine Verschränkung beider Verfahren könnte, so denke ich, eine hohe gesellschaftspolitische Relevanz bekommen.

Focusing

Focusing wurde von Eugene T. Gendlin im Rahmen klientenzentrierter Psychotherapieforschung und Philosophie beschrieben und inzwischen von KollegInnen und SchülerInnen weiterentwickelt.

Es ist einerseits ein Konzept über Veränderungsprozesse und Bedeutungsbildung, andererseits ein Verfahren, das diese Prozesse anregt und unterstützt.

Focusing zeichnet sich aus durch eine radikale Akzeptanz des So-Seins und gleichzeitig durch eine völlige Offenheit gegenüber dem "Mehr", dem "Noch-Nicht". Wenn wir diesen Prozess nicht verhindern, geben wir einer Neuorganisation, einer Neuordnung von Komplexität eine Chance, d.h. wir ermöglichen "Emergenzen".

Focusing als Denkansatz und Verfahren gehört zur humanistischen Psychologie und Philosophie. Wenn wir Focusing praktizieren, übernehmen wir also ein bestimmtes Menschenbild, wir treffen eine Wahl. Focusing ist eine optimistische Philosophie: es rechnet mit einem Veränderungsprozess, es hält Veränderung, Entwicklung, Wachstum für grundsätzlich möglich. Es glaubt an die Prozesshaftigkeit von lebendigen Vorgängen. Und es ist traditionellerweise eine individuumzentrierte Anschauung: es glaubt an Veränderung in einzelnen Menschen.

Wie passiert nun diese Veränderung? Focusing-typisch ist, dass sie durch Entstehenlassen und Erleben einer Pendelbewegung zwischen Explizitem und Implizitem ermöglicht wird und durch eine bestimmte Beziehungsaufnahme zu sich selber (seinem körperlichen Erleben), die man selber erstellen und bei der einen auch jemand anderer begleiten kann.

Diese Beziehungsaufnahme ist gekennzeichnet durch eine Haltung radikaler Akzeptanz allem Vorgefundenen gegenüber, durch ZeugInnenschaft, durch Verweilen bei den unklar gespürten Resonanzen in unserem körperlichen Empfinden ("spending some time with something bodily sensed but unclear", nennt Gendlin das).

Sich darauf einzulassen, geduldig und neugierig zu warten, bis das Neue sich in einem ersten "felt sense" zeigt und sich dann, wenn ich mich ihm akzeptierend zuwende, auffaltet zu einer stimmigen Symbolisierung, ist eine Irritation des Gewohnten. Das Gewohnte hat in der Focusing-Theorie viele Namen: Setzkasten, Vorurteil, Repertoire, Stereotypie, Bibliothek mit all ihren fertig geschriebenen Sätzen ...das sind alles Begriffe für bereits explizite Symbolisierungen, die zum Abrufen bereit stehen. Auf sie gilt es im Focusing zu verzichten. Daneben, oft noch schwerer zu erkennen, gibt es bestimmte Arten, wie Menschen den Entfaltungsprozess verhindern oder behindern können, sogenannte "strukturgebundene Anteile" oder "frozen wholes" in der Focusing-Sprache, in der Chaos- oder Komplexitätstheorie würden wir dazu "Attraktoren" sagen. Personen begegnen einseitig dem Leben - und versuchen natürlich, auf die ihnen vertrraute Art Focusing "zu machen"! (in den GFK-Charakterstrukturen haben wir versucht, diese Anteile zu systematisieren). Auch diese hartnäckigen Gewohnheiten und Lebensstile können erkannt und mit der Zeit "ent-lernt" werden.

Das Neue hingegen hat immer den Charakter von Frische, Irritation, Überraschung, Qualität, manchmal auch Evidenz (das ist dann der berühmte "felt shift", der eine ganzkörperliche Erleichterung ergibt, auch wenn der Inhalt nicht angenehm ist).

Ich kann dieses Neue nicht "machen", es geschieht, passiert, ereignet sich. .Aber ich kann für Bedingungen für mögliche Emergenzprozesse sorgen und versuchen, sie immer wieder zu erstellen, dann können sich unerwartete Neuanordnungen oder erstmals-Muster ergeben.

Beim Focusing geht es also nicht um ein Wiedererlangen bewährter oder erwünschter Zustände und Formen, sondern gerade um das "Mehr", das noch nicht Gewusste oder Gefühlte, es geht um Potentialität. Das "Ergebnis" ist nie "wahr" oder "richtig" in einem absoluten Sinn, es ist immer nur eine momentane Konfiguration. Es gibt also auch kein konstantes "Selbst" oder "Ich", immer verändert sich der Strom meines Erlebens, und ich als Beobachterin werde beim Wahrnehmen mitverändert.

Focusing ist ein rekursiver, ein zyklischer Prozess. In seinem Verlauf hat er oft einen gewissen "Zug", eine Richtung des inneren Interaktionsprozesses, im Focusing spricht man von "carrying forward. "Every bit of human experience has a possible further movement in it", sagt Gendlin, und die Blockflötenkünstlerin Michaela Petri formuliert es etwas anders, wenn sie über das Spielen von Bach sagt: "Sofern man der Bewegung nicht den Vorrang gibt, gibt es keinen "nächsten" Ton!".

Wenn wir Focusing besser kennen, merken wir, dass gewisse Grundfähigkeiten erlernt/geübt werden müssen, damit sich ein Focusing-Prozess entfalten kann:

Je kundiger und sicherer ich in diesen grundlegenden Fähigkeiten und Haltungen werde, umso deutlicher kann sich der Focusingprozess entfalten, umso vertrauter werden wir mit ihm.

Auf der anderen Seite kann ich aber Aktivitäten weglassen, die ich sonst zu Verfügung haben muss: ganz klar und scharf denken, Lösungen finden, Entscheide treffen, schnell sein. Im Focusing darf ich warten, etwas kann unklar bleiben, ich muss es nicht sofort verstehen.

Es braucht Mut, sich diesem Prozess auszusetzen, denn er ist "identitätsgefährdend", stellt alte Sicherheiten und gewohnte Interpretationsmuster in Frage. Er bringt aber auch kreative neue Formen in die Welt. Es geht dabei nicht (nur) um Selbstverwirklichung, sondern auch um eine Schulung des Individuums, eine Disziplin, eine Praxis.

Können wir nun dieses individuelle Verfahren auch für überindividuelle Veränderungsprozesse nutzen?

Es scheint mir wichtig, nur schon diese Frage zu stellen, denn traditionellerweise ist Focusing etwas, das einzelne Menschen für ihre persönlichen Anliegen nutzen.

In Gruppen von Menschen, die in Focusing geschult sind, wird manchmal eine Mischung aus Einzelfocusing (jeder/jede fokussiert für sich z.B. zu einer Entscheidung, die ansteht ) und demokratischen Verfahren praktiziert (Entscheidungen werden anschliessend per Mehrheitsentscheid getroffen). Dieses Anhalten und Verlangsamen und in sich auf Resonanzen zum Gruppengeschehen warten ist oft schon ein grosser Gewinn gegenüber Gruppen, die das nicht tun und "an vorderster Front" Kampfargumente austauschen resp. "Ping-Pong-Diskussionen" führen.

Diejenigen unter uns, die schon länger mit Gruppen zu tun haben, kennen auch noch ein anderes Geschehen, das wir einmal mit "Gruppen-Felt-Sense" bezeichnet haben. Das ist keine Addition vieler "Einzel-Felt-Sense", sondern etwas, das aus dem Gruppenganzen, dem "Gruppenlebewesen", wie wir es oft nennen, hervorgeht. Oft geschieht das nach chaotischen oder frustrierenden Sackgassen-Phasen. Irgendetwas beginnt sich zu formieren, und es braucht dann ähnlich wie beim Einzelfocusing Verlangsamen, Geduld, Warten, Akzeptanz, bis sich dieses "Etwas" zu formulieren beginnt und dann von der ganzen Gruppe überprüft werden kann. Das sind äusserst spannende Prozesse, die wir vor allem in einigen Gruppierungen der deutschsprachigen Focusing-Szene erprobt und ihnen eigene Gefäße gegeben haben (z.B. das Focusing Forum).

 

Der Dialog nach David Bohm

In den letzten Jahren hat uns ein Verfahren zu faszinieren begonnen, das von einer ganz anderen Seite kommt und sich im Moment zu einer eigentlichen Bewegung ausweitet: der Dialog nach David Bohm.

David Bohm war Physiker und lebte von 1917-1992. Es gibt über ihn eine hervorragende, sehr ausführliche und bewegende Biographie seines Mitarbeiters David Peat mit dem Titel "Infinite Potential".

Bohm war ein transdisziplinärer Wissenschaftler, ein leidenschaftlicher Sucher, interessiert an allen essentiellen grenzübergreifenden Fragen, auch ausserhalb seines Fachgebiets. Er ist auch interessanterweise in anderen Wissenschaftsgebieten ernster genommen worden als in seinem Hausgebiet, der Physik. Bohm war tief besorgt um den Zustand der Wissenschaften und der Welt. Er verfolgte unbeirrt die Vision, dass Menschen gleichberechtigt, partizipierend zusammen sein und gemeinsam etwas entwickeln können. Wissenschaft könne für alle zugänglich gemacht werden und würde so zu einem transformierenden Werkzeug für die Veränderung der Gesellschaft.

Bohm war ein holistischer Denker. Er führte lange Jahre Dialoge mit Krishnamurti über östliche Philosophie und die Ganzheit des Daseins. Schon in seinen frühen physikalischen Arbeiten über Plasma ging es ihm um Ganzheit, Wechselwirkung und Verbundenheit statt um das Betrachten der "Einzelteile", und seine spätere Theorie der "Holobewegung" und der "impliziten Ordnung" lassen das noch deutlicher werden. Materie und Geist sind nicht getrennt, postuliert Bohm, sie sind ein Ganzes. Explizit /ausgefaltet seien die Formen, die Ordnungen von Raum und Zeit, von mechanischen Kräften, unsere ganze bekannte und von uns wahrgenommene Welt unabhängiger Objekte. Aber darunter, auf einer tieferen Ordnungsstufe, liege implizit/eingefaltet eine verborgene Ordnung, die eigentliche fundamentale primäre Realität, holographisch sei in ihr das ganze Universum eingefaltet, aus ihr entfalten sich in zyklischen Bewegungsabläufen immer neue kreative Formen, vergehen wieder, bilden sich ähnlich oder anders neu.

Das, was Bohm später "Dialoggruppen" nannte, lernte er selber kennen in einer Klinik während einer seiner schweren depressiven Phasen: ein Soziotherapeut namens Patrick de Mare bot solche Gruppen an, die anders waren als die damals üblichen Lern- oder Trainingsgruppen oder die psychologischen Selbsterfahrungsgruppen. Bohm entwickelte dieses Verfahren weiter und wollte es vor allem für die Wissenschaft nutzen. Sein Vorschlag war z.B., dass auf Kongressen nicht die hübsch geordneten und geglätteten Endresultate vorgestellt werden sollten, sondern dass die Vortragenden alle Zuhörenden teilhaben lassen sollten am Prozess ihres Denkens, ihrer Vorannahmen bezüglich des Themas, ihres Wegs zu den Ergebnissen - dieses Vorgehen würde eine gänzlich andere Art von Wissenschaft ergeben!

In letzten Jahren seines Lebens gründete Bohm mit seinen KollegInnen überall Dialoggruppen, erprobte sie und schrieb darüber. Mittlerweile ist der "Bohmsche Dialog" weltweit eine Art verbindende Vision geworden und wird, interessanterweise vor allem im Bereich der Unternehmenskultur ("lernende Organisationen"), immer mehr praktiziert.

Was hat uns nun für unsere Belange am Phänomen "Bohmscher Dialog" fasziniert? Der Dialog als Kommunikationsform ist ja nicht neu: wir finden ihn im Zentrum aller klientenzentrierten Verfahren, als Begriff bei Buber und Rogers, wir kennen Formen von "im Kreis sitzen und reden" aus nahezu allen alten Kulturen. Wir alle kennen auch Momente innerhalb eines Gesprächs, in dem die dialogischen Qualitäten spontan anwesend sind. "Diese Momente in eine Disziplin zu verwandeln, die lern- und lehrbar ist", ist die Aufgabe der Dialogprojekte.

Im Rahmen dieser Projekte wird der Begriff nicht alltagssprachlich verstanden. Wenn von "Dialog" die Rede ist, meinen wir eine lehr- und lernbare Disziplin gemeinschaftlichen Erkundens.

Bohm definiert Dialog (dia=durch, logos=Wort) als "freien Sinnfluss, der unter uns, durch uns hindurch und zwischen uns fliesst". Im Gegensatz dazu haben Wörter wie "Diskussion", Debatte, und Disput immer einen trennenden Anteil (discutere: zerschlagen, zerteilen, zerlegen; battuere: schlagen, disputare: auseinanderschneiden)

Für die Idee des Dialogs sind diese Vorstellungen insofern interessant, als Bohm sagt, dass es unser Denken ist, das die ursprüngliche Ganzheit teilt. Wenn wir denken und strukturieren, Begriffe wählen, Teile und Trennungen erschaffen, Annahmen und Notwendigkeiten erfinden, fragmentieren wir etwas, reissen wir etwas auseinander und umgeben etwas mit Grenzen, das ursprünglich ganz ist. Dass wir das tun, ist nicht das Problem, wir brauchen zur Verständigung untereinander ja fest definierte Begriffe, konsensuell entstandene Strukturen. Das Problem entsteht erst, wenn wir vergessen, dass wir das getan haben und zu glauben beginnen, dass wir es mit objektiven Realitäten zu tun haben, die unabhängig von unserem Denken existieren. "Der Denkprozess denkt, dass er gar nichts tut, sondern einem nur mitteilt, wie die Dingen eben sind", sagt Bohm, und dahinter steht die Annahme, dass das Denken Erfahrungen so beschreibt, wie sie sind, "als gäbe es ein Fenster für eine ungefilterte Wirklichkeit, die ausserhalb einer Person stattfindet" . Das ist natürlich ein folgenschwerer Irrtum. Bohm nennt dieses erinnerungsgeleitete, alte, unüberprüfte Denken "thought", im Unterschied zu "thinking", das neue, frische, im Moment entstehende Denken. Wobei anzumerken ist, dass Denken für Bohm eine ganzheitliche Funktion des Organismus ist und nicht nur eine mentale Aktivität, es schliesst Fühlen, Empfinden, Feldwahrnehmung, Stimmungen etc. ein.

Folgerichtig fordert Bohm, dass "Propriozeption" (unsere Fähigkeit, auch mit geschlossenen Augen genau zu wissen, wo unsere Arme und Beine im Moment im Raum sind) uns offenbar im Bereich des Denkens fehlt und wir sie unbedingt dort einführen müssen.

Diese Eigenwahrnehmung des Denkens (mitzubekommen, wie die Denkbewegung sich in uns vollzieht, wie Absicht, Ergebnis und Folgen des Denkens aussehen) kann sich in einem Dialog ereignen, wenn alle Beteiligten den Denkprozess verlangsamen, beobachten und öffentlich machen. Dem Denken auf die Spur zu kommen, und zwar dem individuellen und dem kollektiven, ist das erklärte Ziel der Dialoggruppen.

Und so beginnt interessanterweise auch der Dialog, der ja ein kollektives Unternehmen ist, wie alle grossen Disziplinen mit individueller Arbeit ("homework", nennt Bohm das manchmal humorvoll). Hervorgehoben wird vor allem das Zuhören als wichtigste Qualität. Zuhören ist nicht ein passives Geschehenlassen, sondern eine Aktivität. Sie kann unterteilt werden in drei verschiedene Unterkapitel:

  1. sich selber zuhören: dieses Kapitel kennen wir gut aus der Focusing-Schulung, alle dort benötigten Fähigkeiten tauchen auch hier wieder auf: Selbstwahrnehmung in verschiedenen Modalitäten ("Propriozeption"), Verlangsamen, Daten und private Interpretation der Daten trennen ("Leiter der Schlussfolgerungen" oder "Abstraktionsleiter" heisst das in der Bohm-Literatur), Gewohnheiten und Stereotypien aufspüren. Während sich aber im Focusing-Prozess durch einen "dis-respect" den schon bekannten, schnell auftauchenden Formen gegenüber die Aufmerksamkeit auf den inneren felt sense, das Herannahen einer noch nicht symbolisierten, aber schon ahnbaren körperlichen Resonanz richtet, ist im Dialog-Prozess eine aktive Leistung gefordert, nämlich das, was Bohm "Suspendieren" nennt. Das heisst, dass wir darauf verzichten, unsere Wirklichkeitskonstruktionen und Glaubenssysteme anderen aufzunötigen, wir unterdrücken sie aber auch nicht, halten sie nicht zurück. Wir halten sie "in der Schwebe", "hängen sie vor uns auf", damit wir sie mit Hilfe der anderen neu anschauen und erforschen können. So werden sie zugänglich für alle und können sozusagen auf dem Display betrachtet werden.
  2. den anderen zuhören: "People do not listen, they reload!" Wer kennt das nicht aus Gruppengesprächen und Diskussionen: noch während jemand anderer redet, bereite ich mich körperlich, gefühlsmässig und mental auf eine Entgegnung vor, werte die Worte des Sprechenden auf oder ab, beziehe Gegenpositionen oder erkläre mich einverstanden, formuliere innerlich schon meine Antwort. Ich tue alles möglich, nur eines tue ich nicht: zuhören. Mein Zuhören ist defensiv oder strategisch, ein zutiefst egozentrischer Akt. Wirkliches Nur-Zuhören ist eine aktive Leistung, eine unschätzbare Qualität, das wissen wir aus den Verfahren, die mit dieser Haltung arbeiten (z.B. die klientenzentrierten Richtungen nach Rogers). Auch im Focusing höre ich mir (einem Teil von mir, dem "Etwas", das sich entwickeln will) zu, ich tue das respektvoll, neugierig, annehmend, freundlich. Wenn ich eine andere Person begleite, verhalte ich mich so zu ihr. In der klientenzentrierten Therapie sind diese Beziehungsbedingungen explizit formuliert: Empathie, Kongruenz und Akzeptanz. In einer Dialoggruppe wird das noch einmal anders beschrieben: während ich meine eigenen Überzeugungen und Annahmen in der Schwebe halte, höre ich denen der anderen zu, bemerke und suspendiere meine automatischen Reaktionen, bin interessiert am Anderssein des anderen. Ich höre den Inhalten zu, aber auch den Pausen, der Stimmlage, dem Tonfall. Das ist mehr als nur Toleranz, sondern aus der Philosophie Bohms wird eine andere Interpretationsmöglichkeit denkbar: das Votum des anderen ist auch eine Auffaltung/Ausfaltung des zugrundeliegenden Impliziten, eine Art und Weise, das Gesamtpotential zu realisieren, eine Facette der "Wahrheit", des Ganzen. Eine, die ich auch hätte realisieren können? Eine, die "auch ich" sein kann, wenn in der Tiefe keine Fragmentierungen existent wären? Wir müssen Bohms ontologische Deutung der Quantenrealität nicht teilen, aber der Aspekt, dass "das andere" einfach nur eine andere Art und Weise ist, wie sich die implizite Realität durch diesen Menschen äussert, gibt nach meiner Erfahrung eine neue Qualität in den Dialog hinein, vor allem, wenn es um kontroverse oder emotional hoch besetzte Themen geht. Es ist eine gute Übung, zu denken: "this too is in me". "Das"Nicht-Ich" (was im Wort "Toleranz" immer noch enthalten ist) wird zum "Auch-Ich".
  3. dem Gruppenganzen zuhören:Mit diesem Schritt geht der Bohmsche Dialog als kollektives Verfahren über die übliche Verwendung des Focusing deutlich hinaus. Wir kennen zwar das "zurücktreten und das Ganze anschauen und dazu eine Resonanz bilden und nicht zu einzelnen Teilen" aus dem Focusing, aber hier wird diese Disziplin ausgedehnt: Wir üben, die aktive Zuhörfähigkeit auf die Gruppe auszudehnen. Kann ich dem "Gruppenlebewesen" zuhören? Was tun wir gerade, was lassen wir aus, wie bewegen wir uns, wer trägt was bei oder nicht, welche Gesamtatmosphäre herrscht, was bahnt sich an? Jedesmal, wenn jemand etwas sagt, ändert sich ja subtil das Ganze. Kann ich die gemeinsame Realität wahrnehmen? Oder, wie es manchmal heisst, was ist der Elefant, dessen Teile wir hier gerade beschreiben? All das erfordert einen grösseren Blick-Hör/Spürwinkel, ein ausgedehntes Körperfeld, eine Bereitschaft, unser "Selbst" nicht innerhalb unserer Hautgrenzen zu verorten, sondern bereit zu sein, die Vorstellung eines individuellen "Selbst" als Fragmentierung zu erkennen und es versuchsweise anders zu spüren: als "Gruppen-Selbst" für eine Weile, vielleicht auch als "ökologisches Selbst". Das ist die Voraussetzung, dass dann auf einer kollektiven Ebene Emergenzen stattfinden können, Kreativität entsteht. Bohm hatte die Vision, dass sich so das Potential realisieren kann, das sich durch uns, in uns als Gruppe entfalten will. Sein Blickwinkel als Quantenphysiker ist sowieso radikal anders als der übliche: da gibt es eigentlich keine Teile, die sich addieren oder zusammenfügen oder deren Beziehungen wir anschauen könnten. Nein, die Blickrichtung ist gerade umgekehrt. Es gibt das Ganze, und nur durch Messung/Beobachtung entstehen so etwas wie "Teile". Der Bezugspunkt ändert sich dadurch, wichtig sind auch nicht persönliche Freundschaften unter den Beteiligten, sondern der "Geist der unpersönlichen Gemeinschaft " ("impersonal fellowship").

Sprechen

Wie steht es nun mit der komplementären Aktivität zum Zuhören, dem Sprechen? Was veranlasst jemanden zum Sprechen, welche Art des Sprechens ist im Dialog angemessen?

Rollen- und Status-Eigenschaften sind für die Dauer des Dialogs aufgehoben. Ich kann sprechen oder schweigen. Generell gilt, dass jede schnelle automatisierte Antwort suspendiert und in eine untersuchende Frage verwandelt wird. Diese besondere Art des Sprechens wird in der Bohm-Literatur "inquiry" genannt, erkundendes Sprechen, fragen, herausfinden, aufrichtig wissen wollen, interessiert sein. Das Interesse richtet sich auf meine eigenen Annahmen, die der anderen und vor allem die kollektiven, die uns als "implicit knowing" verbinden. Gesprochen wird nicht zueinander, aufeinander bezogen (d.h. zum Lieblingsgegner resp. Lieblingsunterstützer hinüber!), sondern zur Mitte, in den Raum zwischen uns hinein, so dass alle Beteiligten freie Sicht haben auf all die "aufgehängten" Annahmen und sich neue kollektive Intelligenz entwickeln kann. Alle sprechen mit eigener, deutlicher, unverwechselbarer Stimme -und sind gleichzeitig Teil des Ganzen, eine Facette, eine Ausfaltung der Potentialität, mehr nicht. Das macht die einzelnen gleichzeitig wichtig und unwichtig. Bohm nennt das "Partizipation".

Obwohl in der Unternehmenswelt und im Feld der "lernenden Organisationen" auch der sogenannte "strategische Dialog" praktiziert wird (z.B. wenn zur Lösung von firmeninternen Problemen eine Dialogbegleitung engagiert wird), hat Bohm selber immer nachdrücklich für den freien ("generativen") Dialog plädiert.

Als Bedingung dafür braucht es einen stabilen "Container", d.h. einen festen Ort, eine feste Zeit und eine deutliche Abmachung, für eine Weile dabei zu bleiben.. Eine Dialogbegleitung wird höchstens am Anfang im Sinn eines "Minimalförderung" benötigt. Es muss bei einem generativen Dialog nichts herauskommen, es gibt kein Thema und kein Ziel. Zweck ist einzig und allein (und diese Vorgabe muss von allen geteilt sein, sonst funktioniert der Dialog nicht!), diese Art von gemeinsamer Erkundung zu üben.

Typisch für diese Gruppen sind verschiedene Phasen von Unsicherheiten. Der allmähliche Verzicht auf die gewohnten individuumzentrierten Denk-, Fühl- und Handlungsweisen macht dann aber langsam anderen Anschauungen Platz. Natürlich kann jede Einzelperson weiterhin z.B. für sich fokussieren, um herauszufinden, wo sie gerade steht in Bezug auf den Gruppenprozess. Aber die typische Focusing-Bewegung (explizit werden, zurück zum Impliziten, überprüfen, wieder pendeln...) wird nicht weiterverfolgt. Es ist auch nicht mehr so wichtig, alles zu sagen, auf einzelne und einzelnes Bezug zu nehmen, andere genau zu verstehen, selber genau verstanden zu werden. Es kann vorkommen, dass das Thema einer Person scheinbar verschwindet und dann auf einmal bei einer anderen Person wieder auftaucht. Es ist auch nicht wichtig, den eigenen Standpunkt zu schärfen und andere zu überzeugen, einen möglichst stimmigen Konsens zu erreichen oder einer bestimmten Meinung zum Abstimmungssieg zu verhelfen.

Der Fokus liegt auf einer anderen Prozessbewegung: immer wieder werden einzelne und zunehmend dann auch kollektive Vorannahmen, scheinbar klare Voraussetzungen, in der Schwebe gelassen, bis sich im Gruppenganzen neue emergente Phänomene beginnen abzuzeichnen oder manchmal sprunghaft erscheinen.

 

Folgenabschätzung: wozu soll etwas dienen?

Beide Verfahren schaffen Bedingungen für Veränderungsprozesse. Beide Verfahren erlauben Kreativität, Selbstorganisation und Emergenzen. Beide Verfahren benötigen und erlauben gewisse Fähigkeiten und gewisse Verzichtleistungen.

Wann ist nun welches Verfahren angemessen, günstig, passend?

Focusing als humanistisch-phänomenologisches Verfahren ist ausgesprochen auf Vorgänge innerhalb eines Individuums hin konzipiert, Auswirkungen auf gesellschaftliche/kulturelle/politische Felder sind, wie häufig in der humanistischen Tradition, eher indirekt impliziert: dass wir nämlich, wenn wir als Einzelpersonen unser Potential entfalten und uns schulen, auch automatisch sozialere, gemeinschaftsorientierte, dialogbegabte Wesen werden. Wie ich an anderer Stelle schon ausgeführt habe, möchte ich gern daran glauben, tue es aber zunehmend nicht mehr. Mir kommt sogar vor, dass manchmal Menschen, die dank Therapie, Schulung, Selbstbeobachtung ihre eigenen Muster durchaus verstanden haben und sich redlich bemühen, ihre Sichtweisen auszuweiten und an ihren persönlichen Grenzen zu ziehen, diese Fähigkeit auf der Stelle verlieren, wenn sie in und mit grösseren Gebilden zu tu haben. Gruppen scheinen mit ihrer erhöhten Komplexität höhere und vor allem andere Anforderungen an uns zu stellen als Einzelpersonen. Der Dialog scheint auch für unterschiedliche Berufsgruppen unterschiedlich herausfordernd zu sein: ManagerInnen, LehrerInnen, TherapeutInnen müssen an je anderen Stellen ihrer Berufsidentität ihre Vorannahmen überprüfen.

Es braucht, wenn wir uns um kollektive Belange kümmern wollen, persönliche und überpersönliche Denkweisen, aber eine reine Kombination z.B. von Einzelfocusing und demokratischen Arbeitsweisen ergibt noch nicht die spezielle Qualität einer Bohm-Gruppe.

Mir kommt der Dialogprozess oft noch radikaler vor als der Focusing-Prozess Er erforscht die Denkprozesse unter oder hinter den Annahmen und die Funktion des Denkens selber und führt immer nochmal wesentlicher zur Erkenntnis, dass nichts einfach gegeben ist. Ausserdem beschwört er die alte/neue Vision eines gemeinschaftlichen selbstverwalteten Lebens, den sich auffaltenden Prozess von kreativer Partizipation zwischen Gleichgestellten. Für viele Dialog-Übende wird es dann fast nicht mehr vorstellbar, hinter diesen Ansatz zurückzugehen - eine echte Herausforderung, wenn wir in unseren Alltag zurückkehren!

 

Literatur von und über David Bohm und über den Dialog:

 David Bohm, Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen, Klett-Cotta 1998.

    David Bohm, Die implizite Ordnung. Grundlagen eines dynamischen Holismus, Goldmann 1987

    David Bohm, Die verborgene Ordnung des Lebens, Auamarin 1988

    David Bohm, On Creativity, Routledge 1998

    David Bohm, Thought as a System, Routledge 1994

    David Bohm/David Peat, Science, Order, and Creativity, Routledge 1987/2000

 

Biographie:

F. David Peat, Infinite Potential. The Life and Times of David Bohm, Addison-Wesley 1997

 

Quantenphysik und Gesellschaft:

Danah Zohar, The Quantum Self, Human Nature and Consciousness defined by the New Physics, Quill/William Morrow 1990

Danah Zohar, The Quantum Society, Mind, Physics and a New Social Vision, Qiull/William Morrow, 1994

 

Praktische Arbeit mit dem Dialog:

Ellinor, Linda / Gerard, Glenna, Dialogue: Rediscover the Transforming Power of Conversation, John Wiley and Sons 1998

William Isaacs, Dialogue and the Art of Thinking Together. Currency 1999

 

auf Deutsch:

M. und J.F.Hartkemeyer/L. Freeman Dhority, Miteinander Denken. Das Geheimnis des Dialogs, Klett-Cotta 1998

Peter Senge u.a., Das Fieldbook zur Fünften Disziplin, Klett-Cotta 1996

 

im WWW sind zahlreiche Aufsätze und Erfahrungsberichte über Bohm-Dialog-Gruppen zu finden, Einstieg über:

Selected Websites on Dialogue

http://www.uia.org/dialogue/webdial.htm

siehe auch die deutschen Seiten www.gfk-institut.ch und www.focusing-netzwerk.de

 

This page was last modified on 07 November 2003

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