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Bereicherung oder Entfremdung? Ausweitung oder Entgrenzung?
Nachdenken über Weiterentwicklungen und Stolpersteine im personzentrierten Ansatz.

Christiane Geiser

In: Gesprächspsychotherapie und Personzentrierte Beratung 3/2003, S. 121-126

"Betrachten wir die Wahrheitsfindung nicht als abgeschlossen, dann wird es immer neue Erkenntnisse geben, die den besten Theorien widersprechen. Diese Einstellung ist für mich von höchster Bedeutung. Wenn Theorie als das verstanden würde, was sie ist - ein fehlerhafter, sich immer im Wandel befindender Versuch zur Konstruktion eines feinmaschigen Netzes, das zuverlässige Fakten beinhaltet - könnte sie als Anreiz für weiteres kreatives Denken dienen." (Rogers)

Einleitung:
Weiterentwicklungen
Stolpersteine
Einordnungen und Kategorisierungen
Wichtige Punkte in der internen Debatte
Vermutungen
Professionelle Kollegialität
Schluss
Literaturhinweise:
Kongressbände:
Zeitschriften:

Einleitung:

Als ich angefragt wurde, eine Zusammenfassung darüber zu schreiben, wie sich der personzentrierte Ansatz in der letzten Zeit weiterentwickelt hat, in welchen Bereichen er zu finden ist und welche Verzweigungen er entwickelt hat, kam ich gerade von der 6. Weltkonferenz über Personzentrierte und Experienzielle Psychotherapie und Beratung in Egmond aan Zee zurück. Sie stand unter dem Titel "Process differentiation and Person-Centeredness" und vermittelte eine gute Übersicht über die "Szene", wie sie sich im Moment darstellt.

Als Leiterin eines Ausbildungsinstituts in der Schweiz[1] versuche ich in diesem Beitrag, einen Blick auf die neueren Weiterentwicklungen in personzentrierten Ansatz zu werfen: einen Aussenblick (aus einem kleinen Land auf den ganzen Ansatz) und einen Innenblick (als klientenzentrierte Therapeutin und Ausbilderin). Das erscheint mir auch deshalb sinnvoll, weil es meiner Ansicht nach erforderlich ist, sowohl nach Aussen als auch nach Innen die Weiterentwicklung voranzutreiben resp. über mögliche Stolpersteine bei diesem Unternehmen nachzudenken.

Es ist ein sehr persönlicher Bericht, geprägt durch lange Jahre Ausbildungs-, Supervisions- und Therapietätigkeit, Mitgliedschaft in Verbänden und berufspolitischer Arbeit.

 

Weiterentwicklungen

Der personzentrierte Ansatz hatte und hat keinen leichten Stand.

Die Schwierigkeiten, mit denen unser Verfahren als psychotherapeutische Richtung in den meisten Ländern in Europa und auch in anderen Kontinenten zu kämpfen hat(te), sind hinlänglich bekannt. Um in der vom momentanen Zeitgeist beherrschten Gesellschaft überleben zu können, hat es grosse Anstrengungen, Anpassungsleistungen und ab und zu auch eine Verbeugung vor ehemals als nicht notwendig oder sogar als nicht kompatibel erachteten Verfahren und Modellen gebraucht. – wie auch immer wir uns dazu einstellen.

Andererseits hat das Aussen auch an uns gezogen, uns geweckt und gefordert.

Das gravierende Missverständnis, unser Ansatz sei ganz leicht zu lernen und schaffe die Bedingungen dafür, dass man nachher "richtig" therapeutisch arbeiten könne, ist immer noch nicht aus der Welt. Personzentrierte Errungenschaften werden ignoriert oder bagatellisiert ("aber empathisch sind wir doch alle, es ist doch selbstverständlich, dass wir eine gute Beziehung herstellen müssen..."), und auf der andern Seite gibt es die VertreterInnen anderer Verfahren (der systemisch-narrativen z.B.), die "unsere" therapeutischen Erkenntnisse sozusagen neu entdecken und nicht einmal zitieren oder wenigstens auf die Literatur verweisen.[2]

 

In all diesen widrigen Umständen überleben zu können, erfordert Kraft, Selbstbewusstsein und Standfestigkeit. In allen Gebieten, den therapeutischen, beraterischen, pädagogischen etc., ist da tatsächlich viel geleistet worden in den letzten Jahren.

Ich möchte ein paar Errungenschaften der letzten Jahre aufzählen:

All das ist eigentlich Anlass zur Freude. Neugierig und interessiert könnten wir all diese Weiterentwicklungen und Vertiefungen betrachten, davon lernen, uns anregen lassen, das eine oder andere für unsere eigene Praxis und unsere Arbeitsfelder ausprobieren, in unsere Ausbildungen aufnehmen, unser theoretisches Denken davon befruchten lassen.

 

Stolpersteine

Beim Vertiefen in die verschiedenen Beiträge der letzten Jahre war mein Eindruck dann aber doch sehr ambivalent. So viele interessante Weiterentwicklungen. So viele engagierte Menschen, die den Ansatz in ihren Berufsfeldern anwenden und verbreiten. So viele elaborierte Theoriebücher und -artikel gibt es zur Zeit, es ist eine wahre Freude. Der PCA hat offenbar eine Art Lähmungstief überwunden, und die von der berufspolitischen Drucksituation in vielen Ländern eingeforderte Präzisierung hat, kommt mir vor, nicht nur allerlei Rechtfertigungsforschung, sondern auch differenzierte, kräftige und lebendige neue Beschreibungen hervorgebracht.

Und doch: etwas ist gleich geblieben in den 20 Jahren, in denen ich als "teilnehmende Beobachterin" die Szene verfolge: eine leidenschaftlich geführte Diskussion innerhalb des Ansatzes (zumindest in der psychotherapeutischen Fraktion!) darüber, was denn nun klientenzentriert/personzentriert sei und was nicht, wer denn nun zur "Familie" gehört und wer höchstens als Nachbar betrachtet oder gar als Nestbeschmutzer abklassifiziert wird.
Das ist natürlich eine höchst interessante und zentrale Frage. Wenn ich von Weiter-Entwicklung rede: von wo aus geht es denn weiter? Was ist das uns allen Gemeinsame?

Probieren Sie es selber:
Wie ist es Ihnen beim Lesen der obigen Aufzählung gegangen? Waren Sie einverstanden mit all den Ausweitungen? Oder sind Sie auch beim einen oder anderen Punkt zusammengezuckt und haben einen vage beunruhigten felt sense oder sogar eine deutliche Frage in sich vorgefunden, ob das, was Sie da lesen, denn wohl noch zu vereinbaren sei mit dem Theorie- und Praxisgebäude, in dem Sie sozialisiert wurden, dem Sie sich zugehörig fühlen, und mit der Art und Weise, wie Sie jeden Tag arbeiten?

Dieses Zusammenzucken ist natürlich nicht bei allen an derselben Stelle (Was sind Ihre persönlichen Reizwörter?), aber meistens landet es über kurz oder lang bei einer Bemerkung wie "also das ist jetzt aber wirklich nicht mehr personzentriert!!"

Und schon könnte es vorbei sein mit der Neugier und dem Interesse...

1997 wurde die "World Association for Person-Centered and Experiential Psychotherapy and Counseling" gegründet. Ich war bei den Vorbesprechungen dabei und erinnere mich lebhaft an die Skrupel und Zweifel, unserm Ansatz eine solche Formalisierung und eine eventuell drohende Vereinsmeierei anzutun, aber auch an das grosse und aufrichtige Engagement für die Sache. Schon damals wurde explizit beschlossen, die Unterschiede zu behalten, zu benennen und zu diskutieren und ein Zusammenarbeiten der verschiedenen Unterströmungen zu ermöglichen.

In diesem internationalen personzentrierten Netzwerk haben die diversen Ausfaltungen des Ansatzes (oder vielleicht nur die Art und Weise, wie so vorgetragen und verteidigt werden?) immer wieder zu mehr als nur Zusammenzucken geführt: einerseits gibt es zwar offizielle Plattformen für all diese Differenzierungen (Zeitschriften, Bücher, Konferenzen) und ein ernsthaftes Ringen, alle Ansätze unter einem Dach zu vereinigen. Anderseits ist (oft hinter den Kulissen) der Ton oft derart rüde und die gegenseitig Abqualifizierung so massiv geworden, dass mich diese "Strukturgebundenheit" in unserem Ansatz sehr zu irritieren begonnen hat[3].

Ich habe mich immer schon gefragt und frage mich das auch heute noch: Was ist es nur, das diese Debatte so heftig, teilweise erbittert werden lässt? Schon seit so langer Zeit? Was gibt es zu schützen, zu wahren? Was zu verteidigen, zu verhindern? Worum geht es "wirklich"?

Ich will also versuchen zusammenzufassen, auf welche Arten probiert wird, all diese Strömungen zu bündeln und zu schauen, was denn an all dem das Gemeinsame, das Identitätsbildende sein könnte. Gleichzeitig will ich mich ein wenig diesem seltsamen Phänomen von Ein- und Ausgrenzung widmen, das mich irritiert und fasziniert, gerade und ausgerechnet in unserem Ansatz. Ich vermute sogar, dass das eine nicht ohne das andere gehen wird, dass die beiden Themen zirkulär miteinander verbunden sind und untrennbar aufeinander einwirken

 

Einordnungen und Kategorisierungen

Um welche hauptsächlichen Richtungen geht es bei den "vielen Gesichtern der Personzentrierten Psychotherapie"?

Auf dem gerade zu Ende gegangenen Kongress in Holland war es von einem gewissen Zeitpunkt an üblich zu fragen (oder gefragt zu werden), zu welchem der "three tribes", der drei Stämme, man denn gehöre, die folgendermassen definiert/kategorisiert wurden:;

Was hat man sich darunter vorzustellen?

  1. Die VertreterInnen des sogenannt "klassischen" klientenzentrierten Verfahrens legen vor allem Gewicht auf die "core conditions", die im deutschen Sprachraum mit Basis- oder Grundvariablen bezeichneten sechs Grundbedingungen, die Rogers als notwendig und hinreichend für die Veränderung in der Psychotherapie postuliert hat. Sie bezeichnen sich als beziehungsorientiert, interaktionell oder dialogisch, sprechen von Präsenz und personaler Begegnung, im englischen Sprachraum nennen sie sich "non-directive" (ND CCT). Alle Weiterentwicklungen über dieses Beziehungsparadigma hinaus lehnen sie strikt ab. Hierher gehören Namen wie Shlien, Bozarth, Brodley, Prouty, Schmid etc.
     
  2. Unter diese zweite Gruppe gehört die Experiencing-Theorie Gendlins (ein Teil davon ist auch als Focusing bekannt). Ihre VertreterInnen gehen davon aus, dass das spezifische innere Erleben (experiencing) der KlientInnen und TherapeutInnen neben den Beziehungsbedingungen, die Rogers formuliert hat, eine wichtige Bedeutung hat (Gendlin, Lietaer, van Balen, Leijssen, Coffeng).
     
  3. Als ExpertInnen für den Prozess gehen die KollegInnen der dritten Richtung davon aus, dass der Therapeut durchaus aktiv an gewissen Stellen prozessverändernde oder –lenkende Interventionen machen kann. Es werden bestimmte "process-marker" beachtet (Rice/Greenberg/Elliott), auch störungsspezifisches Vorgehen wird eingefordert (nicht nur das immer gleiche Beziehungsangebot für alle KlientInnen), es wird ziel- oder klärungsorientiert (Sachse) vorgegangen.

 

Ein anderes Einordnungssystem vor allem der deutschsprachigen VertreterInnen des Ansatzes haben kürzlich Keil und Stumm in ihren Büchern versucht. Sie unterscheiden drei Grundorientierungen:

  1. Personzentrierte Therapie als je individuelles, aber immer ausschliesslich von der Grundhaltung charakterisiertes Beziehungsangebot (Verwirklichen der Grundeinstellungen mit völliger diagnostischer Absichtslosigkeit).
     
  2. Personzentrierte Therapie als (Arbeit am) Gewahrwerden der (störungsspezifisch verstehbaren) Inkongruenz (Verwirklichung der Grundeinstellungen so, dass an der Inkongruenz gearbeitet werden kann, klinische Orientierung).
     
  3. Personzentrierte Therapie als (Wieder-)Herstellung eines adäquaten Erlebensprozesses (so, dass am Experiencing gearbeitet werden kann).

Zu jedem dieser Einordnungsversuche gibt es in der Literatur natürlich bereits Korrekturen, Einwände, Änderungsvorschläge.

Deshalb möchte ich als drittes den anregenden und integrierenden Ordnungsversuch Germain Lietaers vorstellen, den er im Einführungsband der neuen internationalen Zeitschrift PCEP unter dem Titel "The United Colors of Person-Centered and Experiential Psychotherapies" macht. Es geht ihm darum, was bei aller Verschiedenheit der Subdisziplinen eine von allen geteilte gemeinsame Identität sein könnte, auch im Vergleich mit anderen Richtungen. Dazu schlägt er Charakteristika erster und zweiter Ordnung vor:

Charakteristika zweiter Ordnung (die der personzentrierte und experienzielle Ansatz mit anderen humanistischen Richtungen teilt) sind:

Charakteristika erster Ordnung hingegen treffen seiner Meinung nach nur für den personzentrierten/experienziellen Ansatz zu. Das sind:

 

Wichtige Punkte in der internen Debatte

Eine Richtung, die auf einem solch hohen Abstraktionsgrad konzeptualisiert wurde wie die klientenzentrierte Therapie und die zudem (zu erinnern ist noch einmal an die Taxonomie, die Höger aufgestellt hat!) Haltungen beschreibt und keine Techniken, Interventionen oder Verfahrensweisen, bietet natürlich vielerlei Möglichkeiten zu Missverständnissen und Polarisierungen.

Ausserdem soll die historische Dimension nicht vergessen werden. Wenn heutzutage das medizinische, verhaltenstherapeutische und psychiatrisch-psychologische Paradigma wieder an Boden gewinnt und Gehorsam verlangt, entsteht in vielen von uns schnell dieselbe heftige Gegenwehr, die ja schon damals den VertreterInnen der "Dritten Kraft" Schwung verliehen hat.

Auch der quantitativ-empirischen Forschung, in den neuen Naturwissenschaften schon überholt und jetzt auf unser Berufsfeld bezogen plötzlich wieder zur Norm erhoben, wird oft nur mit Anpassung oder Verweigerung begegnet - oder andererseits mit dem flammenden Aufruf, sich um diese empirischen Befunde zu kümmern, weil sonst der Ansatz von der Bildfläche verschwinde.

Darüber hinaus gibt es meiner Ansicht nach ein paar typische Streitpunkte, bei denen die Protagonisten dazu tendieren, in einer Entweder-Oder-Position zu verharren.

Die Auseinandersetzungen entzünden sich oft daran, dass einige VertreterInnen der Unterströmungen mit einem Alleinvertretungsanspruch daherkommen: so und nur so sei die wirkliche klientenzentrierte Therapie zu beschreiben.

Ein weiterer Zankapfel sind die Forderungen nach differenziertem Umgang: mit Personen oder PatientInnen oder KlientInnen, mit "Störungen". Der Titel des diesjährigen grossen Weltkongresses hiess ja auch "Process Differentiation and Person Centeredness", und es prallten tatsächlich all die Richtungen aufeinander: diejenigen, die vehement im Namen des Klientenwohls oder der Standespolitik differenzierte Behandlungsanleitungen, ja sogar Expertenwissen, einfordern und solche, die genauso leidenschaftlich der Meinung sind, ein wirkliches personales Zugegensein in der Begegnung reiche vollständig aus.

Der Konflikt, ob die Betonung des Selbsterlebens, wie es im experienziellen Ansatz (Focusing) hervorgehoben und gelehrt wird, substantiell sei, ist alt. VertreterInnen der "puristischen" Sektion im PCA bezeichnen die KollegInnen des experienziellen Ansatzes als überhaupt nicht klientenzentriert, sondern technikgeleitet, reduktionistisch und im höchsten Mass direktiv, weil sie prozessleitende Interventionen verwenden. Einige VertreterInnen des Focusing erachten demgegenüber all diejenigen, die über diese Methoden nicht verfügen, als oberflächlich, weil ihnen die Essenz fehle : woher denn sonst solle die Kongruenz kommen, wenn nicht aus diesem Vertraut-Sein mit dem eigenen experienziellen Zugang? Der Ansatz Greenbergs und seiner KollegInnen ist hier im deutschen Sprachraum kaum rezipiert, aber dieser Vorwurf würde sie sicher auch treffen!

 

Vermutungen

Ist es realistisch, so divergierende Richtungen unter einem grossen Dach zusammenzubringen? Germain Lietaer, der momentane Präsident der Welt-Gesellschaft, der sich unermüdlich seit Jahren für Offenheit und Transparenz einsetzt, schloss den Kongress in Holland mit der Bitte, die Spannungen aufrechtzuerhalten und in Diskussion zu bleiben.

Offenbar handelt es sich aber bei den Dauerbrenner-Streitpunkten nicht um rein akademische Streitereien, sondern es schwingen grundsätzlichere Töne mit.

Ich erinnere mich an ein Projekt, das mein Mann und einige MitarbeiterInnen im Rahmen der Europäischen Gesellschaft für Körperpsychotherapie angeregt hatten: zu untersuchen, wie die einzelnen TherapeutInnen und AusbilderInnen den Begriff "Energie" eigentlich verwenden. Es zeigte sich eine grosse Verwirrung und Sprachenvielfalt, und die Veröffentlichung hatte ein hohes Kränkungspotential, es gab lang andauernden Wirbel, Vorwürfe, Schulenstreit.

Die Arbeitsgruppe interpretierte das so: offenbar war jede Person beim Versuch, so einen Begriff wie "Energie" zu beschreiben, unversehens in so etwas wie "heiligen Räumen" gelandet, an einem Ort, an dem auf einmal klar wurde, was da an Glauben, Werten, spirituellen Hintergrundannahmen, Visionen, zutiefst in der Person verwurzelten Überzeugungen zum Vorschein kam. Jede Kritik, jeder Gegenvorschlag, jede Diskussion verletzte sofort "all of it", alles, was daran hing, nicht nur die Definition eines Begriffs.

Könnte es sein, so frage ich mich, dass es in unserer Ansatz auch um etwas Ähnliches gehen könnte? Um Werte, um Glaubensfragen?

Ist es möglich, dass z.B. ein Vertreter der so genannten klassischen GT zutiefst verunsichert oder verletzt ist, wenn in seinem Ansatz auf einmal Prozessdifferenzierung vorkommen soll? Oder dass jemand aus dem Focusing-Netzwerk nicht verstehen kann, wie jemand ohne diese Art von Bezugnahme auf das Selbsterleben überhaupt Therapie machen kann? Oder wenn jemand vor lauter Sorge um ein spezielles Klientenwohl daran verzweifelt, dass seine therapeutische "Familie" spezifische Interventionen als unzulässige Techniken ablehnt?

Auf jeden Fall schwächt ein solcher Streit resp. die Art und Weise, wie er häufig geführt wird, den Ansatz. Und das in einer Zeit, in der er es dringend nötig hätte, weiter zu erstarken.

Ich möchte Vorschläge machen, wie es an dieser Stelle fruchtbarer weitergehen könnte.

 

Professionelle Kollegialität

Ich schlage drei Verfahren vor, um die Debatten und Diskussionen im PCA in einen wirklichen Dialog zu verwandeln:

  1. die Anwendung der klassischen Grundbedingungen von Rogers auf kollegiale Gruppierungen,
  2. den Focusing-Ansatz von Gendlin zum Überprüfen von Einseitigkeiten und Vorurteilen,
  3. und den Bohmschen Dialog als Möglichkeit, als Gruppe wieder neu denken zu lernen.

ad 1.

Die Bedingungen, die Rogers aufgestellt hat, um Veränderung in der Therapie zu unterstützen, sind bekannt. Er selber hat ja den Ansatz auch auf nicht-therapeutische Felder ausgeweitet. Ich habe das dringende Gefühl, dass auch wir das tun sollten und diese Bedingungen anwenden auf die Art und Weise, wie wir im kollegialen Kontext miteinander umgehen, wie wir theoretisch nachdenken, wie wir uns in öffentlichen und berufspolitischen Feldern bewegen.

Einige Ideen:
Was würde es heissen, einander in diesen Belangen wirklich zuzuhören? So zuzuhören, wie wir es aus unserer professionellen Arbeit kennen? Empathisch versuchen, sich für einen Moment in der Welt des anderen und in seinem Bezugssystem niederzulassen und von dort aus zu hören, wie jemand zu einer bestimmten Weiterentwicklung gekommen ist? Zu akzeptieren (was, wie wir wissen, nicht heissen muss, dass man einverstanden ist!), dass da jemand diese oder jene Schlussfolgerungen gezogen hat. Auf all die Beziehungsresonanzen achten, die dabei in uns aufsteigen, und sie formulieren und der Beziehung und der anderen Person zur Verfügung zu stellen. Wirklich wissen wollen, wirklich interessiert sein.
Da wir KollegInnen sind und keine KlientInnen, gilt das für beide. Die Person, die ihre Richtung vorstellt, darf erwarten, dass ihr ein Beziehungsraum zur Verfügung gestellt wird, in dem sie erst einmal gehört wird. Dann aber muss sie offen sein für Kritik, Feedback, für das gespiegelt Bekommen eventueller eigener Strukturgebundenheiten und wie diese in der Sicht der anderen ihre Theoriebildung, ihr Denken formen und sich bemerkbar machen im kollegialen Verhalten, im Auftreten in der Öffentlichkeit – und das ernsthaft und aufrichtig prüfen.
Es könnte ja wirklich sein, dass z.B. eine besondere und anderes ausschliessende Gewichtung des Faktors "Wertschätzung" ein Lieblingsthema eines Kollegen ist? Dass das Betonen der Machbarkeit, der Manipulation, der Strategien eine Charaktersturkureigenart eines anderen ist? Dass ein Hervorheben der zu erringenden Freiheit und Autonomie ein Lieblingswunsch einer bestimmten Theoretikerin und gar nicht für alle gleich bedeutsam ist? Dass die Art und Weise, wie jemand etwas vertritt, vielleicht auch getragen ist von Profilierungsdenken und Streitlust und Einseitigkeit oder im Gegenteil von Kompromissbereitschaft und Nachgiebigkeit? Wir sollten, finde ich, offen sein für diese Fragen, uns befragen lassen, aufrichtig forschen und suchen und wieder flexibel werden für all die Varianten, wie Menschen sich in diesen schwierigen Fragen konfigurieren.

Das im KollegInnen-Kreis zu tun, ist durchaus nicht selbstverständlich – aber gerade unser Ansatz hätte dazu das Werkzeug und viel Erfahrung zu bieten! Von all unseren AusbildungsteilnehmerInnen verlangen wir diese gründliche Schulung in Selbstreflexivität und Resonanz. Wir alle unterziehen uns lebenslanger Super- oder Intervision in Bezug auf unsere Arbeit. Wieso tun wir das nicht in Bezug auf unsere kollegialen Beziehungen? Auf unsere Zusammenarbeit in beruflichen und standespolitischen Gruppierungen? Manchmal kommt es mir vor, als ob wir alle unsere personzentrierten Kompetenzen, die wir in unseren Berufsfeldern haben, auf der Stelle verlieren an den Orten, an denen es um Identitätsbildung, Macht, Einfluss, Geld, Werte, Ethik und ähnliche Fragen geht. Um es mit einem meiner Lieblingszitate von Rogers zu sagen: "Die erste Bedingung zum Zuhören ist Mut"- er sagt es über die TherapeutInnen, die, wenn sie wirklich ihren KlientInnen zuhören, auch selber riskieren, verändert zu werden. Sollten wir es nicht wagen, uns in unseren kollegialen Kontakten dieser Disziplin ebenfalls auszusetzen?
Und wer je gespottet hat über die Oberflächlichkeit und leichte Erlernbarkeit dieser Art von In-Beziehung-Sein, wie wir sie aus unserem Ansatz kennen, wird dieses Urteil nach einigem Aufenthalt in diesem Übungsfeld sicher zurückziehen...

ad 2.

Wenn immer wir drohen, in Einseitigkeiten, Vorurteilen oder Schon-Gesagtem, Schon-Gedachtem zu erstarren, gibt es die einfache Möglichkeit, die zumindest die VertreterInnen des experienziellen Ansatzes kennen: einen Moment innezuhalten und sich zu fragen: "Worum geht es da eigentlich? Wenn ich an all das denke, was zu diesem Thema gehört: was gibt es dann zu all dem für eine Resonanz in meinem Körper?" Durch das langsame Auffalten des felt sense entsteht dann dieses "something more", das neu in seiner gegenwärtigen Bedeutung aufscheint, weit über das hinaus, was wir schon zu wissen meinten. Das ist eine Verzichtleistung und Irritation des Gewohnten. Es ermöglicht aber in diesen schwierigen Themen eine Neuordnung von Komplexität und das Auftauchen von Emergenzen.

ad 3.

Zum Schluss möchte ich noch kurz auf ein Verfahren hinweisen, das sich meiner Erfahrung nach hervorragend dafür eignet, Gruppenprozesse dieser Art zu fördern: den Dialog nach David Bohm.

Bohm definiert Dialog (dia=durch, logos=Wort) als "freien Sinnfluss, der unter uns, durch uns hindurch und zwischen uns fliesst". Im Gegensatz dazu haben Wörter wie "Diskussion", Debatte, und Disput immer einen trennenden Anteil (discutere: zerschlagen, zerteilen, zerlegen; battuere: schlagen; disputare: auseinander schneiden).

Ich habe die Vision, dass die Protagonisten verschiedener Richtungen auf ihrem Panel ihre Stühle einander zuwenden, sich anschauen und beginnen, um der Sache willen neu miteinander nachzudenken. Die Eigenwahrnehmung des Denkens und Fühlens kann sich in einem Bohmschen Dialog ereignen, wenn alle Beteiligten den Denkprozess verlangsamen, beobachten und öffentlich machen. Vorannahmen und Hintergrundüberzeugungen werden sichtbar. Dem Denken auf die Spur zu kommen, und zwar dem individuellen und dem kollektiven, ist das erklärte Ziel der Dialoggruppen. Dabei würde es dann, wenn die Disziplin des Zuhörens und des erkundenden Fragens eine Weile praktiziert wird, mit der Zeit auch dazu kommen können, dass die Beteiligten dem Gruppenganzen zuhören können. Was tun wir gerade, was lassen wir aus, wie bewegen wir uns, welche Gesamtatmosphäre herrscht, was bahnt sich an? Jedes Mal, wenn jemand etwas sagt, ändert sich ja subtil das Ganze. Können wir die gemeinsame Realität wahrnehmen? Das erfordert einen grösseren Blick-/Hör-/Spürwinkel, ein ausgedehntes Körperfeld. Alle sprechen mit eigener, deutlicher, unverwechselbarer Stimme - und sind gleichzeitig Teil des Ganzen, eine Facette, eine Ausfaltung der Potentialität, mehr nicht. Das macht die einzelnen gleichzeitig wichtig und unwichtig. Bohm nennt das "Partizipation", und das ist mehr als nur Toleranz.Oder wie es ein Teilnehmer an einem Workshop am Kongress formulierte; "How much wie need each other!"[4]

 

Schluss

Mit der oben beschriebenen Vision habe ich versucht, die fruchtbaren und radikalen Annahmen unseres Verfahrens für ein weiteres Anwendungsfeld vorzuschlagen: das der Kollegialität. Wenn es darum geht, zusammenzuarbeiten, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu definieren, Konzepte zu erarbeiten und als Gruppe nach Aussen zu treten, sollten wir uns nach Innen dieser anspruchsvollen Disziplin unterziehen. Können wir den personzentrierten Grundhaltungen auch hier vertrauen lernen und die Techniken erproben und verfeinern, bewährt sich unser Ansatz ein weiteres Mal und geht erstarkt daraus hervor. Glaubwürdig können wir dann nach Aussen treten und all den Feldern, die das so dringend nötig hätten, unsere Art professioneller Kommunikation zur Verfügung stellen.

 

 

Literaturhinweise:

Bohm, D., 1998, Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen, Klett-Cotta

Geiser, Chr. 1999, Die "Wirklichkeit" der Person. Über ein radikales Ausschöpfen des personzentrierten Ansatzes. GFK Texte 4, S. 35-44, www.gfk-institut.ch/artikel/

Geiser, Chr., 2000, Focusing und der Bohmsche Dialog - eine gesellschaftspolitische Vision. www.gfk-institut.ch/artikel/

Frenzel, P. / Keil, W. u.a. (hrsg.), 2001, Klienten-/Personzentrierte Psychotherapie. Kontexte, Konzepte, Konkretisierungen. Facultas Bibliothek Psychotherapie Bd. 8

Iseli, C. / Keil, W. u.a. (hrsg.), 2002, Identität, Begegnung, Kooperation. Person-/klientenzentrierte Psychotherapie und Beratung an der Jahrhundertwende. GwG-Verlag

Juchli, E. u.a., 1999, Der Energiebegriff in der Körperpsychotherapie. Ergebnisse der EABP-Forschungsgruppe. Kurzfassung unter www.gfk-institut.ch/publikationen/

Keil, W. / Stumm, G. (hrsg.), 2002, Die vielen Gesichter der personzentrierten Psychotherapie. Springer

Keil, W. / Stumm., G., 2002, Die verschiedenen Strömungen in der Personzentrierten Psychotherapie: Einleitung

Lietaer, Germain, 2002, The United Colours of Person-Centered and Experiential Psychotherapies, PCEP 1, 4-13

Mearns, D. / Thorne, B., 2000, Person-Centred Therapy Today. SAGE Publ.

Mearns, Dave / Thorne, Brian, 1988, 2nd. ed. 2002, Person-Centred Counselling in Action, SAGE Publ.

Mearns, Dave, 1994, 2nd edition 2003, Developing Person-Centred Counselling, SAGE Publ.

Thorne, B. / Lambers, E., 1998, , Person-Centred Therapy. A European Perspective, SAGE Publ.

van Balen, R., 2002, Die Entwicklung des experienziellen Ansatzes, in Keil/Stumm 2002, 209-230

Wyatt, Gill (series editor), 2001, Rogers` Therapeutic Conditions. Evolution, Theory and Practice. PCCS Books

Vol. 1: Congruence
Vol. 2: Empathy
Vol. 3: UPR Unconditional Positive Regard
Vol. 4: Contact and Perception

 

Kongressbände:

Lietaer, G. / Rombauts, J. / van Balen, R. (ed.), 1990, Client-Centered and Experiential Psychotherapy in the Nineties, LeuvenUniversity Press

Hutterer, R. / Pawlowsky, G. / Schmid, P. / Stipsitis, R. (ed.), 1996, Client-Centered and Experiential Psychotherapy. A Paradigm in Motion, Peter Lang

Marques- Teixeira, J. / Antunes, S. (ed.), 2000, Client Centered and Experiential Psychotherapy, Vale & Vale Ed.

Watson, J.C. / Goldman, R.N. / Warner, M.S. (ed.), 2002, Client-centered and Experiential Psychotherapy in the 21st Century: Advances in Theory, Research, and Practice. Selected Papers from the fifth ICCCEP Conference, Chicago 2000, PCCS Books

 

Zeitschriften:

Elliott, R. / Mearns, D, / Schmid, P. (hrsg.), 2002 ff., PCEP Person-Centered and Experiential Psychotherapies. Journal of the World Association for Person-Centered and Experiential Psychotherapy and Counseling. PCCS Books, bis jetzt 2 Bände erschienen

PERSON. Internationale Zeitschrift für Personzentrierte und Experienzielle Psychotherapie und Beratung. Facultas Universitätsverlag 1996ff.

Psychotherapie Forum, Springer Verlag

 

 

Christiane Geiser Juchli

Psychotherapeutin in freier Praxis, Psychotherapie-Ausbilderin, Supervisorin, Focusing-Ausbilderin und Koordinatorin im Focusing Netzwerk. Leiterin des Ausbildungsinstituts für klientenzentrierte Gesprächs- und Körperpsychotherapie GFK mit Sitz in Wil/Schweiz.

 

Anschrift

Christiane Geiser Juchli
Weierhofgasse 9, CH-9500 Wil
Telefon 0041 71 910 17 90
E-mail: cg@tbwil.ch
Website: www.gfk-institut.ch


1 Ausbildungsinstitut GFK (Klientenzentrierte Gesprächs- und Körperpsychotherapie, personzentrierte Prozessbegleitung, Focusing) www.gfk-institut.ch

2 eine Ausnahme bilden da z.B: Barry L. Duncan / Mark A. Hubble / Scott D. Miller, "Aussichtslose Fälle". Die wirksame Behandlung von Psychotherapie-Veteranen, Klett-Cotta 1998, die explizit auf Rogers verweisen:
"Wieder entdeckt wurde auch das Werk von Carl Rogers. Wir erkannten die Bedeutung von Empathie, Herzlichkeit, Echtheit, Verständnis und wechselseitiger Bestätigung. Die Forschung zeigt uns, dass dies und nicht die grosse Theorien und brillanten Techniken die Schlüsselvariablen sind, von denen hauptsächlich abhängt, ob der Zustand des Klienten sich bessert."

3 Der Ausdruck "strukturgebunden" stammt aus der Experiencing-Theorie Eugene Gendlins und bezeichnet ein erstarrtes Erleben, das nicht mehr im Fluss ist und sich durch die im Moment stattfindenden Interaktionen nicht mehr wirklich verändern lässt.

4 s. dazu die höchst interessanten Prozesse und Ergebnisse der "Schweizer Charta für Psychotherapie", in der 25 ausbildende Institute und Verbände verschiedenster Richtungen seit über 10 Jahren zusammenarbeiten. (www.psychotherapie.ch)

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